Ilse Haider

OPEN MONUMENTS

 

Öffentliche Bilder und das Bild der Öffentlichkeit

Die Foto- und Installationskünstlerin Ilse Haider befasst sich in der aktuellen Ausstellung mit öffentlichen Bildern; sie zeigt Porträts von SchauspielerInnen und Filmschaffenden, deren mediales Agieren mit der Visualisierung von politischen Anliegen und gesellschaftspolitischem Engagement verbunden ist. Filme  - und der politische Film allemal – sind „offene Monumente“, das Kino fungiert als öffentlicher Raum, es vermittelt ein soziokulturelles Bild, in welchem sich fotogene Inszenierung mit kulturhistorischer Recherche, bildmächtige Unterhaltung mit gesellschaftlicher Anamnese verbinden.

 

Neorealismo als Befund einer heutigen Irritation

Wie im italienischen „Neorealismo“ erstmals Themen wie Arbeitslosigkeit, Armut und Ausbeutung von Arbeitern auftauchen, wie in den Filmen von Rossellini, dem frühen Vittorio de Sica und später von Pier Paolo Pasolini Personen aus den Barackensiedlungen an der römischen Peripherie in der kargen Nachkriegszeit Bild und Gestalt erhalten, so sind diese Erzählungen gleichermaßen von großer visueller Eindringlichkeit. In heutigen Zeiten medialer Bilderschwemme und politisch-sozialer Agonie erlangen solche Ikonen einen Grad an optischer Eindringlichkeit, der irritieren und faszinieren kann.

 

Anna Magnani als Diva und Kämpferin

Stellvertretend für die emblematischen Film-Figuren der 1940er – 1970er Jahre steht die große Tragödin Anna Magnani, die fern von jedem Glamour einfache Frauen aus dem Volk verkörperte; ihr kämpferisches Temperament und ihre unverwechselbare Mimik machten sie zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten ihrer Generation. So sind bis heute mit diesen starken Rollenbildern politische Haltungen verknüpft, die sich gegen bestehende Hierarchien auflehnen und gegen das Wegschauen einer saturierten Elite wirken.

 

Fotografische Bildnisse im Blick des Betrachters

Ilse Haider verwendet historische Bildnisse, um Themen und Engagement einer medialen Geschichte ins Heutige zu transferieren. Der Betrachter muss im Vorbeigehen und Ansehen dieser Porträts und Szenen seinen Standpunkt finden: schnell gleitet etwas vorüber, undeutlich verschwimmt etwas hinter den Stäben, aus dem Untergrund taucht etwas auf, das näherer Untersuchung wert ist. Die Wahrnehmung der fotografischen Skulpturen von Ilse Haider ist – wie im Film – an Zeit und Aufmerksamkeit gekoppelt: das Bild setzt sich im Auge des Betrachters zusammen und entfaltet in seinem Bewusstsein, seinen Erfahrungen und Erinnerungen eine individuelle Bedeutsamkeit.

 

Rundgang

Ein Film- und Wahrnehmungstheoretiker (Siegfried Kracauer) und ein Schriftsteller mit Hang zur bildenden Kunst (Elias Canetti) stehen am Beginn der Ausstellung, gefolgt von einem Raum, der den großen Ikonen visueller Wirksamkeit gewidmet ist: Marlene Dietrich und Ingrid Bergman verliehen dem Nachkriegskino nicht nur Glanz und Glamour, sondern sie verkörpern auch die Fragilität von Schönheit und die Sehnsucht nach Stabilität in einer Zeit der Entwurzelung und Verunsicherung. Von einer schuldhaften Vergangenheit sind Filmgeschichten geprägt, wie etwa „Der Verlorene“, in dem der im K.K.-Österreich geborenen Hollywood-Schauspieler Peter Lorre einen ehemaligen NS-Arzt spielt und damit Themen wie moralische Verantwortung, Verschweigen und politische Manipulation thematisiert.

„Die Fahrraddiebe“ von Vittorio de Sica ist ein Sittengemälde aus dem Jahr 1948, das – ebenso wie „Rom, offene Stadt“ von Roberto Rossellini – die unmittelbare Nachkriegszeit schildert und den Versuch des Individuums, in einer von der Politik verratenen Gesellschaft einen Weg der menschlichen Integrität und des Humanismus zu finden.

 

Margit Zuckriegl