Punkt und Strich sind zweifellos die reduziertesten Formen, ohne die kaum ein Bildwerk auskommt. Trotz ihrer mathematischen Abstraktheit ist die Linie ein grafisches Alltagselement, das in Schrift, Skizze, Zeichen, Tabelle oder Landkarte Verwendung findet wird und dessen Art und Bedeutung uns selbstverständlich erscheint. Die Linie ist somit primär dazu da, etwas festzuhalten, zu zeigen, zu schreiben und zu definieren – ein wichtiges Hilfsmittel. Sprachlich führen wir die Bedeutung wesentlich weiter. Wir bemühen uns die direkteste Linie zum Ziel zu wählen, wir sind mit der Linearität als Grunddisposition unserer Existenz betroffen, wenn wir Zeitabläufen, Entwicklungsprozessen unterschiedlicher Art, Bewegungsabläufen, Reihungen oder allgemeinen Ordnungssystemen begegnen bzw. in diese eingebunden sind. Das Prinzip der Linearität ist gleichsam Teil einer Conditio Humana.

Wenn man die westliche Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte überblickt, könnte man zur Ansicht kommen, dass die Linie mittels ihrer drei Modi (Gerade, Winkel und Kurve) alles und nichts sein kann. Sie ist, wie vieles in der Kunst, vom Kontext abhängig. Zeitgenössische Künstler_innen benutzen das gesamte Spektrum ihrer Möglichkeiten: Linienkomplexe und Strichbündel, die das Abstrakte bzw. die Motorik der Hand ausloten ebenso wie Linienführungen zur Darstellung von Körpern und Gegenständen. Die Linie ist aber nicht nur an die Hand und das Papier gebunden, sondern sie kann sich in unterschiedlichen Techniken und Materialien manifestieren. Die Linie kann auch mit dem Raum und somit mit einer völlig anderen Dimension und Bestimmung konfrontiert sein. Dabei ändert sich ihr ontologischer und materieller Status. In dem Moment verliert sie die Aufgabe der Darstellung von etwas anderem. Sie verweist in diesem Fall ausschließlich auf sich selbst und wird im realen Raum zur realen Linie. Aber auch diese aus Draht, Gummi, Holz oder anderen Materialien bestehenden Linien können ihrerseits wieder so geformt sein, dass sie darstellende Qualität haben, oder eben auf sich selbst verweisen. Auf jeden Fall ist damit ein Paradigmenwechsel eingetreten, der den Wechsel von der Repräsentation zur Realität bedeutet – reale Linien im realen Raum.

Renate Krammer setzt in ihrer grundsätzlichen Beschäftigung mit der Linie genau dort an. In ihren aktuellen Arbeiten reißt sie Papierblätter auseinander, akzentuiert die Risslinien mit Metallfarben (Gold, Silber, Kupfer) und schichtet die derart ausgestalteten Papierstreifen mit der Risskannte nach oben in eine rechteckige gerahmte Form. Was entsteht dadurch – eine Grafik, ein Relief? Jedenfalls aber ergibt sich ein Bild. Die klassischen Kriterien dafür sind erfüllt – Rahmen, Bildfläche und eine (abstrakte) Gestaltung – eine 3-D Grafik. Somit ist die Linie die Begrenzung zweier Flächen. Sie entsteht zwar noch durch die Hand, jedoch nicht mehr mittels Stift, Pinsel oder anderer Hilfsinstrumente. Der Riss ist die Spur des Produktionsprozesses, er ist nicht Ausdruck der Destruktion – das würde in den sprachlich-emotionalen Bereich fallen. Vielmehr ist sie Spur einer Handlung. Lucio Fontanas Schnitt in die Leinwand zur Erzeugung von Dreidimensionalität liegt nahe.

Das destruktive Element wird auch hier Ausdruck des gestalterischen Kalküls. Zweidimensionalität wird zur Dreidimensionalität – die mit Metallfarben akzentuierten Risskanten werden durch ihre Materialität ins Skulpturale transferiert und die Papierstreifen fungieren als Träger dieser nun selbständig