… Das so gekennzeichnete Abstrakte und Ungegenständliche wird damit nicht als etwas Losgelöstes vom gegenständlichen Darstellungs- und Vorstellungszwang verstanden, auch nicht als Abstraktes bloß im Unterschied zum Konkreten, sondern als inabstraktund als etwas, das insKonkrete prozessualisiert im Tätigen sich erfasst und darin sich gegenständlich(und nicht abstrakt) erfasst. Das sogenannte „Abstrakte“ ist dann und nur dann eben das Inabstrakte der Kunst. Nur von diesem Punkt lassen sich meines Erachtens die Bemühungen gewisser zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen, zu denen ich Thomas Reinhold zähle auch eingehender begreifen, da der Darstellungsbegriff nicht mehr an den („nachzuahmenden“) Gegenstand, sondern eben an die künstlerisch kreative Handlung gekoppelt ist.


Die Gemälde dieser Reihe bestehen aus übereinandergelegten, einander überschneidenden amorphen Tabellen, die einen pulsierenden Raum erzeugen. Die Farbwahl entspricht einer körperlichen Notwendigkeit, die künstlerische Intention besteht aus der Anordnung, das atmende Bild ist dabei eine Begleiterscheinung. Es rechnet in meinem Innern. Manchmal überprüfe ich das Resultat durch bewusstes Rechnen und komme dann auf dasselbe Ergebnis: genau definierte Orte auf der Leinwand, an denen Farbe Form annehmen soll.

Thomas Reinhold


Sie rinnt, zieht Schlieren, wagt sich vor auf benachbartes Terrain: Spinatgrün auf Maisgelb, Ocker auf zartem Aqua, grelles Azur auf Lachs, Stahlgrau auf Nachtblau. Die Farbe ist auf Thomas Reinholds Leinwänden in Bewegung. Die Spuren der Tropfen verführen zu Assoziationen mit Jackson Pollocks Drip-Paintings oder mit Schüttbildern von Hermann Nitsch, allein, mit aktionistischen Gesten hat Reinholds Malerei nichts zu tun. -

Ganz im Gegenteil. Wenn der 1953 in Wien geborene Künstler, der einst Österreichs "Neuen Wilden" zugerechnet wurde, Farbe auf die Leinwand schüttet, dann ist das ein höchst kontrollierter Prozess, der einem ganz klaren visuellen Konzept folgt. Die Feld um Feld aufgebrachte Farbe wird von ihm durch Anheben des Keilrahmens bewegt. "Transportieren" nennt Thomas Reinhold das. In der Wiederholung kommt es zu Überlagerungen, die je nach Liquidität der Farbe transparenter oder opaker geraten. "Kommunikation tritt ein", so Reinhold. In diesem Dialog von Kalkül und Zufall entsteht eine dynamische Struktur; Elemente scheinen in entgegengesetzte Richtungen zu fließen. Verliert hier ein Raster seine Form, oder bewegt sich vielmehr das Formlose in Richtung geometrische Ordnung? Die Kompositionen sind irritierend unentschieden, rätselhaft, mit räumlichen Anklängen. Das macht aber auch die Faszination aus. Reinholds Bildideen funktionieren aber auch, wenn er die Leinwand verlässt und sie ins Medium Glas transferiert. In den Kirchenfenstern für die Chappelle de la Résurrection in Brüssel gewinnt das Verschmelzende der Farben wieder neuen Charakter.

 

Siehe dazu Ingo Nussbaumer, Thomas Reinhold:Matrix Bild - abstrakte Malerei gegenständlich formuliertim Katalog MATRIX bild, Galerie Leonhard, Graz 2019